Diese Seite wird nur mit JavaScript korrekt dargestellt. Bitte schalten Sie JavaScript in Ihrem Browser ein!
Wir versichern Ihnen, dass Sie dieser Seite voll vertrauen können! Viel Vergnügen beim sicheren Surfen!

⇑ nach oben

Impressum     Datenschutzerklärung     AGB     Kontakt    
Aktion

Pflichtlektüre für Klinikpersonal/Therapeuten auch in Ausbildung/Studium – treffende Innenschau aus deutschem „Klapsen-Alltag“

"Uwe Hauck: Depression abzugeben"

Vorweg: Mein „Beipackzettel“ (Verbraucherinformation) zur nachfolgenden Rezension:

Achtung: Die nachfolgende Rezension kann sogenannte „Trigger“ (Auslöser einer Erinnerung an schmerzhafte Erfahrungen und Gefühle) enthalten! Sie ist also mit Bedacht zu lesen, und ist außerdem geeignet, das Vertrauen in das in Deutschland etablierte System der ambulanten und stationären Psychotherapie zu erschüttern. Bitte nehmen Sie vor individuellen Entscheidungen wie etwa eine Medikation zu verändern oder Therapien abzubrechen unbedingt Kontakt zu Ihren behandelnden Therapeuten auf!

Uwe Hauck legt zum Jahresanfang 2017 ein beeindruckend offenes, ehrliches und impulsgebendes Buch vor, das als Pflichtlektüre allen in der klinischen Psychiatrie, Neurologie und ambulanten Psychotherapie Tätigen „verordnet“ werden sollte – bei 10 € Investition für das Taschenbuch bzw. dem reduzierten Preis als E-Book sicher keine finanzielle Überforderung – ggf. sogar steuerlich absetzbar als richtiggehendes „Fachbuch“ zur persönlichen Weiterbildung und Qualitätssicherung…

 

Form, Text, Stil, Verständlichkeit:

Eine einheitliche Gliederung – Zum Kapitelstart immer einen seiner #ausderklapse-Twitter-Botschaften vorweg, manchmal ernst, manchmal auch mit kreativ-wortschöpfendem Galgenhumor („@bicyclist: Therapös, Adjektiv: Der Zustand, den man nach einem Tag mit zu vielen aufeinanderfolgenden Therapien erreicht #ausderklapse“, S. 261: Verweis auf Pretty Woman-Zitat „Wut auf den Vater für 10.000 $…“) – ganz viel mündlicher Rede, zu der auch das Mitteilen der innersten Gedanken und Gefühlen des Autors gehört, der fast vollständige Verzicht auf übliche Fachbegriffe und „Ärzte-Sprech“ sowie ein guter, konzentrierter Satzbau ohne Nebensatz-Orgien sorgen dafür, dass es gerade medizinischen Laien, Betroffenen und Angehörigen leicht fallen wird, sich die auf den ersten Blick umfangreichen gut 400 Seiten nicht nur locker und flüssig zu Gemüte zu führen („FLESCH-Index“ ca. 64), sondern einen echten Gewinn daraus zu ziehen!

 

Zum Inhalt:

Der Autor schildert sehr ehrlich seine Erfahrungen mit einem (gottlob) gescheiterten Suizidversuch im Anschluss an ein komplett gescheitertes und vom Chef beispielhaft unprofessionell geführtes „Führungsgespräch“ am Arbeitsplatz als Wendepunkt einer länger andauernden Depression, die er – wie viele Mitbetroffene auch – in Kindertagen erworben, aus Selbstschutz lange unterdrückt und versteckt hatte – kein Wunder in einer Welt, die den Siegern (oft egal mit welch zweifelhaften Mitteln der Sieg oder Erfolg errungen wurde) persönlich wie medial zujubelt, und wo die eher sensiblen, einfühlsamen allzuoft in Gefahr geraten, unter die Räder zu kommen.

Er führt uns durch den Alltag in einer psychiatrischen Klinik – von der (teil-)geschlossenen über die offene Station und Psychosomatik bis in eine Tagesklinik mit all ihren teils bizarren Regularien und Strukturen, lässt uns teilhaben an manchmal langweiligen, manchmal belebenden Tagesabläufen, Begegnungen mit Angehörigen und Mitpatienten. Und tut das in einer Weise, die Betroffenen einerseits die Vorurteile vor der „Klapse“ nehmen kann, andererseits aber auch geeignet sind, als Ratgeber durch diese von außen eher undurchsichtigen Abläufe zu fungieren. Dabei kommt auch eine gehörige Portion „fundiertes Psychiatrie-Bashing“ nicht zu kurz.

 

Zu Ursachen:

Für mich teils verwunderlich, teils wegen eigener Erfahrungen als Betroffenem wie als „Profi“ auch wieder nicht: Bei aller Anstrengung in Sachen Fallgeschichten-Aufarbeitung (Anamnese) lese ich erstaunt von eher oberflächlichen therapeutischen Bemühungen. Aufmerksame LeserInnen finden schon auf S. 33 einen eindeutigen Bezug zur Ursache des Schlamassels (Beziehung zur Mutter), auf S. 61 unterdrückte Gefühle in Bezug auf den Vater, und schließlich ganz konkret den Hinweis auf das „groß und alt gewordene, aber eigentlich immer noch verstörte, kleine Kind, das um Hilfe ruft (S. 84). Bei allem medizinischen Fortschritt scheint es mir so, als dass viele der “Profis“ aus dem Klinikbetrieb immer noch an den Kardinalsursachen für Angststörungen, Panikattacken und sich daraus oft erst entwickelnden Depressionen vorbeischauen: Dem Grundgefühl, von seinen ersten Bezugspersonen nicht bedingungslos angenommen, geliebt, geschützt, bestätigt – kurz: geliebt worden zu sein (S. 388). Und da können dann eben Muster gebahnt werden, die sich in anderen Beziehungsfeldern fortsetzen und – wenn nicht durch positive Gegenerfahrungen des bedingungslos (!) Angenommen-Werdens – verstärken (Hier: Schule, Berufsleben).

„Der Depressive wendet seine Aggression nicht nach außen; um dort Gewünschtes zu ergreifen oder Schädliches zurückzuweisen. Er wendet seine Aggression gegen sich selbst; um Impulse zu entkräften, vor denen (bzw. vor dessen Folgen, nämlich ausgestoßen, zu werden, abgelehnt zu werden) er sich fürchtet. Die nach innen gerichtete Aggression drückt eigene Impulse nieder. Daher das Wort Depression.“ (*Depner)

Warum an diesem Kernthema allzuoft „vorbeigesegelt“ wird, ob das Nachlässigkeit oder Absicht ist – ich weiß es nicht. Vielleicht ist es so wie Alice Miller, Arno Gruen u. a. vermuten, dass die in der Psychologie und Psychiatrie Tätigen selbst oft mit Historien belastet sind, die – bei offenem Ansprechen derartiger Konflikte bei ihren Patienten – zu einer spontanen Erhöhung des Krankenstandes in dieser Branche führen könnten…

 

Die Essenz:

Vielleicht die kostbare Essenz dieses Büchleins stellen m. E. die „Regeln der Durchgeknallten“ (S. 183), sowie die Entscheidung dar, Fehlurteile und Fehlbewertungen anderer Menschen nicht (mehr) so wichtig zu nehmen (S. 371), (was der seinerzeit, zum Zeitpunkt des Entstehens einer Depression nicht vorhandene kritische Verstand des Kindes gebunden in elterlicher Abhängigkeit nicht tun konnte – ein Plädoyer für eine Art “Seelisches Nachsitzen“… Ernüchternd ist die von vielen Psychiatrieerfahrenen geteilte Erkenntnis, „Die besten Therapeuten sind oft die Mitpatienten, die kennen das von innen – aber die bekommen kein Geld dafür…“ (S. 277).

Hauck beschreibt als Wende- wie als Knackpunkt das Setzen neuer Prioritäten (S. 379: „Ich zuerst…!“), was auf keinen Fall mit Egozentrik verwechselt werden sollte, sondern einfach nur dem Prinzip gesunder Selbstbestimmung und Abgrenzung bei respektvoller Wahrung der Grenzen anderer (Autonomie) entspricht. Weiter könnten als wirklich taugliche Ratschläge anstelle der oft nur gut gemeinten („Reiß Dich doch mal zusammen!“, „Wird schon wieder!“, etc.) dienen:

  1. S. 382: Sich nicht (mehr) kaputtmachen lassen, eigene Werte leben – auch wenn das auf Ablehnung und Kopfschütteln stößt, weil man weiß, dass man trotzdem okay ist;
  2. S. 387 oben: Sich “toxische“ Menschen vom Hals halten – auch wenn das Familienmitglieder oder scheinbare “Freunde“ sind…;
  3. S. 416: Zwei Weisheiten: Sich ändern, auch wenn das manchem nicht passt, und ganz genau schauen, von wem man Hilfe annimmt, um nicht in eine Verschlimmbesserung zu geraten;

 

Die Kritik:

Meine Kritik an dem Inhalt des Buches richtet sich weniger an den Autor, denn an die Aussagen der „Profis“, denen der Autor in Therapie und Tagesklinik begegnet, da wäre zum Beispiel:

  1. S. 121: Der Schuldfrage – Irrtum „Solange Du nach Schuldigen suchst, wirst Du nicht weiterkommen!“ – M. E. ist es für die Befreiung aus einer Depression geradezu unverzichtbar, sich aus falschen Schuldgefühlen zu befreien, um sich dann in einem zweiten Schritt die (erwachsene) Selbstverantwortung zurückholen zu können, seine Macht, seine Kraft und seine Handlungsspielräume wiederzuentdecken;
  2. S. 249 Unsinnige Therapiepläne (Patienten beschäftigen): Warum bekommen Zuwendung, Korrekturen alter Glaubensmuster und begrenzenden, meist gewaltvoll anerzogene Überzeugungen nicht mehr Raum im Klinikalltag? Moderne Ansätze wie Fremd-/Selbstbeelterung (aus der Schematherapie), die Arbeit mit dem inneren Kind bzw. Kindern, EFT, EMDR, Selbsthilfe: Fehlanzeige!
  3. S. 269: Fehldiagnose bzw. unzureichende Analyse “Internetsüchtig“: Immer wieder erfährt man von derartigen „Kunstfehlern“, die gerade da etwas zerstören, was oft kreative Kraftquelle (Ressource) sein könnte;
  4. S. 285: Unsensible Arztsprache, eher Objekt (“Die Depression von Bett 12!“) als echte Subjekt-Subjekt-Beziehungen: Therapie ist Vollkontakt-Zusammenarbeit auf der Basis einer vertrauensvollen Beziehung – der Autor schildert an mehreren Stellen, wie auch in der Patient-Therapeuten-Beziehung Masken als „Notlösung“ quasi herhalten müssen;
  5. S. 291: Widerspruch: Nein, die Therapeuten haben (oft) nicht mehr drauf, und folgen einer Art „unsichtbar weisem Skript“ – und wenn dies so wäre, ich würde es in der Rolle eines betroffenen, mündigen Patienten als respektlos und manipulativ empfinden;
  6. S. 343: Richtiggehend therapieschädlich empfinde ich so Aussagen wie “Sie werden Ihre Ängste, Panikattacken und Depressionen niemals wirklich loswerden, das ist chronisch, damit müssen Sie leben!“, denn diese erfüllen nicht nur den Charakter einer sich-selbst-erfüllenden-Prophezeiung („Ja, wenn der Her Doktor das schon sagt, dann wird das wohl so sein…!“), sondern können darüberhinaus eine aufkeimende Glut der Hoffnung auf vollständige Heilung schnell wieder zertreten.

 

Fazit, Kaufempfehlung

Ich wünsche dem Autor, dass es ihm gelingen möge, nach dem gelungenen Schreiben dieses Buches (vielleicht auch ein wichtiger Teil der Therapie) weiterhin zu seiner Wahrheit stehen zu können. Dass er mehr und mehr auf Masken verzichten kann, und er seinen auf S. 379 geschilderten Erkenntnissen („…ich zuerst, dann die Menschen, denen ich wichtig bin, und dann diejenigen, die nur den Wirtschaftsfaktor in mir sehen, die Humanressource…“) in bester Kirschnerscher* Manier folgen wird – auch „wenn ich damit anecken werde!“ Weil vielleicht eine wichtige Erkenntnis einer Depression sein kann, dass es allemal besser – sprich: gesünder – ist, sich selbst wieder zu trauen, das Unikat zu sein, als das man dereinst geboren wurde, als das durch Erziehung, Schule & Co. rundgeschliffene Massenobjekt – vollkompatibel für eine Konsumgesellschaft, die immer deutlicher zeigt, dass menschliche Wärme, echte Zugehörigkeit, Solidarität und Mitgefühl (Empathie) nicht durch noch so schöne Konsumverheißungen oder andere Ersatzdrogen zu zusetzen ist.

Für den Psychiatriebetrieb stellt das Buch m. E. eine schallende Ohrfeige dar. Wenn Patienten (nicht nur hier) durch die Bank darüber berichten, dass nicht das „autogene Schweißen in der Gruppe“ oder Körbeflechten, unterbrochen von 1 x die Woche 50 Min. “eigentlicher Therapie“ sondern eher die Gespräche mit einfühlsamen Mitpatienten oft die entscheidenden Anstöße für wirklichen Therapieerfolg gebracht haben, dann sollten sich die „Profis“ vielleicht einmal überlegen, ob bei allem neurologischen, hirnorganischen, medizinischem, psychologischem und pharmakologischen Wissen genau das auf der Strecke geblieben ist, was wirklich heilt: Das wirklich zugewandte Gespräch, die heilende Beziehung statt Medikation a la Topfschlagen (Antidepressiva), 5-Minuten-Visiten oder 1 x die Woche 50 Min. „Therapie“, eine haltende Umarmung statt Methodenwissen und sogen. Psychoedukation, das Miteinander-Aushalten und Durchleben von schwer zu ertragenden Gefühlen wie seelischem Schmerz, Trauer, Wut, Angst, etc.! Die Rückfallquoten und die Anzahl derer, die nach „erfolgreicher Therapie“ – sprich: Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit – dennoch weiterhin im Stillen leiden sprechen eine zu deutliche Sprache! In diesem Sinne plädiere ich für eine radikale Umstrukturierung der Budgets gerade im Bereich Psychotherapie/Psychiatrie – wie der Autor es auf den S. 144 und 311 ebenso anmahnt: „Mehr Therapie statt BWL!“

Von mir eine hundertprozentig überzeugte Kaufempfehlung!

PS: “Du konntest nichts dafür, die anderen sind (waren) die Schweine!“
(Der selbst depressive und leider schon durch Suizid verstorbene Robin Williams in der Rolle als Therapeut Sean Maguire zu Matt Damon in der Rolle des Will Hunting im Film Good Will Hunting)

 

Literaturverweise:

  • Dr. Michael Depner: „Kontakt“ („Kein Kind kommt neurotisch auf die Welt…!“)
  • Eugen Drewermann: (Vortrag auf YOUTUBE zum Thema Depression“ (Die unendliche Herzensweite und Empathie der Depressiven als Überlebensmuster, denen es lediglich an einer Art selbstverständlichen Daseinsberechtigung zum Sein zu fehlen scheint und denen man die Fähigkeit zum „Bellen“ und „Fauchen“ – einer ganz normalen Revierverteidigung ihres eigenen Raumes aberzogen hat…)
  • Peter Schellenbaum: Die Wunde der Ungeliebten“ sowie „Das Ende der Selbstzerstörung“
  • Arno Gruen: „Der Verrat am Selbst“ (S. 34: „Wir haben den Mut, in einer Welt zu leben, in der die Liebe durch eine Lüge provoziert wird, die aus dem Bedürfnis entsteht, unsere Leiden (ausgerechnet) von denen mildern zu lassen, die uns zum Leiden brachten.“)
  • Ero Langlotz: Kapitän auf dem eigenen Boot, den eigenen Raum in Besitz nehmen und verteidigen
  • Alice Miller: „Das Drama des begabten Kindes“, „Du sollst nicht merken!“, „Depression als Selbstbetrug“ u. a.
  • Neue Ansätze: Kahn/EFT/ROMPC humanistische Psychologie
  • Psychiatriekritik (Kernberg und andere, “Topfschlagen“ mit Antidepressiva
  • „Aufrecht-Seiten“ (Schilderung eines von der eigenen Mutter sexuell gewalttätig misshandelten Autors, online)
  • Josef Kirschner: „Die Kunst ein Egoist zu sein“
  • u. a.
  • Weiterführendes zum Thema (noch nicht ganz fertig bearbeitet!) finden Sie außerdem HIER!

    Wenn Ihnen diese Rezension gefällt oder weitergeholfen hat – bewerten Sie diese bitte direkt auch auf AMAZON! Herzlichen Dank!

     

    |